Pressemitteilung vom 23. Juli 2007

Flechten die gefährdeten Überlebenskünstler

Meist wenig beachtet, weil sie oft klein und unscheinbar sind, standen Flechten bei einer Exkursion des Naturparks Steinwald diesmal im Mittelpunkt der Naturbetrachtung. Zu Recht, denn die Pflanzen, eine Symbiose aus Grünalgen und Pilzen, bieten nicht nur eine ungeahnte Vielfalt an Formen und Farben, sie sind auch durch die Vielzahl ihrer Inhaltsstoffe und deren unterschiedlichsten Verwendungs-möglichkeiten von großem Nutzen für den Menschen. Mit Johannes Bradtka aus Erbendorf konnte der Naturpark für diese Veranstaltung einen weit über die Grenzen des Steinwaldes hinaus anerkannten Lichenologen, so der Fachausdruck für Flechtenforscher, gewinnen. Bei der kleinen Wanderung die über die Zipfeltanne zum Hohen Saubad führte erfuhren die Teilnehmer zunächst viel Wissenswertes über die Entstehung, die verschiedenen Wuchsformen und die unterschiedlichen Lebensräume der Flechten. Krustenflechten z.B. liegen dicht auf dem Untergrund auf, was ihnen ermöglicht auch auf exponierten Felsflächen zu gedeihen. Anhand des jährlichen Zuwachses an den Rändern ist es möglich das Alter der Flechten zu bestimmen. Da Krustenflechten mehrere hundert Jahre alt werden können wird diese Art der Altersdatierung, die sogenannte Lichenometrie, in der Wissenschaft dort eingesetzt, wo die Radiocarbonmethode nicht angewandt werden kann. In seinen fachkundigen Ausführungen ging Johannes Bradtka auch auf den Gebrauch von Flechten als Färbemittel, zur Herstellung von Parfüm oder Alkohol sowie die Verwendung durch die pharmazeutische Industrie ein. Bekannt war den interessierten Teilnehmern in diesem Zusammenhang, dass das Isländische Moos Hustenmittlen beigeben wird. Für alle neu dagegen war, dass auch der Inhaltsstoff einer Krustenflechte Bestandteil der Antibabypille ist. Anhand der wenigen Beispiele machte Bradtka deutlich, welches Potential in den weltweit etwa 25000 vorkommenden Flechtenarten steckt. Umso bedenklicher ist es, dass durch die Abholzung tropischer Regenwälder eine große Artenzahl unwiederbringlich verloren geht. Doch auch in Deutschland, so der Referent, wo es etwa 1500 Arten gibt, steht schon knapp die Hälfte davon auf der Roten Liste und gilt damit als gefährdet, stark gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht. Dies hängt damit zusammen, dass Flechten zum Teil unter extremen klimatischen Bedingungen leben und so gegenüber Standortveränderungen sehr empfindlich sind. Doch auch Luftverschmutzungen und die Anreicherung mit Nährstoffen stellen weitere Gefahrenquellen dar. Obwohl Johannes Bradtka auf der abendlichen Wanderung in seinem ehemaligen Forstrevier feststellen konnte, dass sich verschiedene Arten wieder in Ausbreitung befinden, was ursächlich mit einer Verbesserung der Luftqualität zusammenhängt, bleibt die Flechte nicht nur im Steinwald ein „gefährdeter Überlebenskünstler“. Die Exkursionsteilnehmer jedenfalls werden den kleinen Wunderwerken der Natur nach dieser spannenden und lehrreichen Veranstaltung bei ihren eigenen Naturerkundungen künftig sicher ein besonders Augenmerk schenken. R. Mertl - 23.07.2007

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